AAII Sentiment Survey erklärt
Stand: 16.09.2026
Anders als der BofA Bull & Bear Indikator oder die Put/Call-Ratio misst die AAII Sentiment Survey nicht, wohin Geld tatsächlich fließt — sie fragt Leute einfach, was sie denken. Seit 1987 lässt das American Association of Individual Investors (AAII) seine Mitglieder wöchentlich eine simple Frage beantworten: Wie erwartest du die Kursentwicklung in den nächsten sechs Monaten — bullish, bearish oder neutral? Trotz dieser Schlichtheit gilt die Umfrage als einer der am längsten laufenden und meistzitierten Sentiment-Indikatoren im US-Markt.
Der Bull-Bear-Spread
Aus den drei Antwortkategorien wird eine einzige Kennzahl gebildet: der Bull-Bear-Spread, also bullish minus bearish (in Prozentpunkten). Ein positiver Spread heißt: mehr Optimisten als Pessimisten unter den Befragten. Ein negativer Spread heißt umgekehrt.
Die historischen Mittelwerte, an denen sich aktuelle Werte einordnen lassen:
- Bullish: im Schnitt rund 37,5 %
- Bearish: im Schnitt rund 31 %
- Neutral: im Schnitt rund 31,5 %
- Bull-Bear-Spread: im Schnitt rund +6,5 Prozentpunkte
Diese Zahlen wirken auf den ersten Blick unspektakulär, sind aber die Referenz, gegen die jede aktuelle Lesart bewertet wird — nicht ob der Wert “hoch” oder “niedrig” klingt, sondern wie weit er vom historischen Mittel abweicht.
Auch hier: konträre Lesart
Wie praktisch jeder Stimmungsindikator wird die AAII-Umfrage gegen den Trend gelesen. Erreicht der Bearish-Anteil ein Extrem — die gängige Schwelle sind zwei oder mehr Standardabweichungen über dem historischen Mittel — folgte in der Vergangenheit in den darauffolgenden zwölf Monaten überdurchschnittlich oft ein Kursanstieg. Die Logik dahinter: Wenn nahezu jeder Privatanleger schon pessimistisch positioniert ist (oder zumindest so denkt), sitzt kaum noch jemand auf der Verkäuferseite, der die Kurse weiter drücken könnte.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen dem, was Leute sagen, und dem, was sie tun — das ist der eigentliche Unterschied zu Indikatoren wie der Put/Call-Ratio oder Fondsflüssen. Jemand kann in der Umfrage “bearish” ankreuzen und trotzdem sein Depot unverändert lassen. Genau deshalb wird die AAII-Umfrage in der Forschung oft als Ergänzung zu positionsbasierten Daten verwendet, nicht als Ersatz.
Warum manche Ausschläge mehr zählen als andere
Nicht jede Bewegung des Spreads ist gleich aussagekräftig. Ein Sprung von neutral auf leicht bullish sagt wenig — solche Schwankungen passieren ständig und sind größtenteils Rauschen. Interessant wird es erst an den Rändern der Verteilung: wenn der Bearish-Anteil auf Niveaus steigt, die historisch selten sind (z. B. über 50 %, deutlich über dem Mittel von 31 %), oder wenn die Neutral-Kategorie ungewöhnlich stark einbricht — ein Zeichen, dass sich vorher unentschlossene Anleger gerade in eine klare Richtung bewegen.
Grenzen
- Kleine, nicht-repräsentative Stichprobe. Die Befragten sind AAII-Mitglieder — tendenziell erfahrenere, aktivere Privatanleger, keine Zufallsstichprobe der Gesamtbevölkerung.
- Meinung statt Positionierung. Wie oben beschrieben, sagt die Umfrage nichts darüber, ob die befragte Person ihr Depot tatsächlich entsprechend ausgerichtet hat.
- Wöchentliche Frequenz. Für kurzfristiges Trading zu träge, eher ein Instrument für die mittelfristige Einordnung von Stimmungsextremen.
- Sechs-Monats-Horizont der Frage, aber oft als Signal für kürzere Zeiträume interpretiert — ein Mismatch, den viele Nutzer der Daten übersehen.
Einordnung für die eigene Analyse
Am aussagekräftigsten ist die AAII-Umfrage nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit härteren Daten — etwa der Put/Call-Ratio oder tatsächlichen Fondsflüssen. Stimmen Meinungsumfrage und Positionierung überein, ist das Signal robuster. Laufen sie auseinander (Leute sagen bearish, verkaufen aber nicht), lohnt sich ein zweiter Blick, bevor man daraus eine Handelsidee ableitet — vergleichbar mit dem Grundgedanken hinter Sentiment vs. Fundamentaldaten: eine einzelne Datenquelle erzählt selten die ganze Geschichte.