Inflation und Aktien: Gewinner und Verlierer

Stand: 16.09.2026

“Aktien sind ein Inflationsschutz” ist eine der Halbwahrheiten, die sich hartnäckig halten. Richtiger wäre: manche Aktien sind ein Inflationsschutz, andere leiden unter Inflation fast genauso stark wie Sparbuch-Guthaben. Der Unterschied liegt an einem einzigen Konzept: Preissetzungsmacht.

Das entscheidende Kriterium: Kann das Unternehmen die Preise weitergeben?

Ein Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht kann seine eigenen Preise erhöhen, ohne dass Kunden reihenweise zur Konkurrenz abwandern — etwa weil es eine starke Marke hat, wenig Wettbewerb, oder ein Produkt anbietet, auf das Kunden schwer verzichten können. Steigen die Einkaufspreise (Rohstoffe, Löhne, Energie), kann so ein Unternehmen die höheren Kosten einfach an seine eigenen Kunden durchreichen und die Marge halten. Ein Unternehmen ohne diese Preissetzungsmacht muss die höheren Kosten dagegen selbst schlucken — die Marge schrumpft.

Sektoren, die tendenziell profitieren

  • Energie — Rohstoffpreise steigen ohnehin oft parallel zur Inflation, Energieunternehmen profitieren direkt von höheren Verkaufspreisen für Öl und Gas.
  • Grundstoffe (Rohstoffproduzenten) — aus demselben Grund: Sie verkaufen genau die Inputs, die überall teurer werden.
  • Zyklische Konsumgüter — Unternehmen mit starken Marken in dieser Kategorie können Preiserhöhungen häufig gut durchsetzen, solange die Konsumlaune insgesamt noch stabil ist.

Sektoren, die tendenziell leiden

  • Basiskonsumgüter (Grundbedarfsgüter) — paradox, aber real: Diese Unternehmen verbrauchen selbst viele Rohstoffe und können höhere Einstandspreise oft nur begrenzt weitergeben, weil ihre Produkte preissensibel gekauft werden.
  • Versorger — regulierte Preise lassen sich häufig nicht kurzfristig an gestiegene Kosten anpassen.
  • Gesundheitswesen — ähnlich reguliert, mit oft langfristig fixierten Erstattungssätzen, die nicht sofort mit der Inflation mitwachsen.

Der Zusammenhang mit Growth vs. Value

Inflation trifft nicht nur über die Kostenseite, sondern auch über die Bewertungsseite. Weil höhere Inflation in der Regel mit höheren Zinsen einhergeht (siehe Wie Zinsen Aktienkurse beeinflussen), werden zukünftige Gewinne stärker abgezinst — ein Effekt, der Wachstumsaktien mit weit in der Zukunft liegenden Gewinnen besonders trifft. Value-Aktien, die schon heute solide Gewinne und Dividenden erwirtschaften, kommen in solchen Phasen historisch besser durch — mehr dazu unter Wachstums- vs. Value-Aktien.

Einordnung

Für die eigene Analyse lohnt sich weniger die Frage “steigt die Inflation, also raus aus Aktien” als die gezieltere Frage: Wie viel Preissetzungsmacht hat das konkrete Unternehmen, und wie stark hängt sein Bewertungsmodell an weit in der Zukunft liegenden Gewinnen? Eine pauschale Aussage über “den Aktienmarkt” bei Inflation greift zu kurz — die Streuung zwischen Sektoren und einzelnen Geschäftsmodellen ist in solchen Phasen ungewöhnlich groß.

Quellen