KGV richtig interpretieren (und wann es lügt)
Stand: 08.09.2026
Was das KGV überhaupt aussagt
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist eine der meistgenutzten Kennzahlen, um zu beurteilen, ob eine Aktie teuer oder günstig ist. Berechnet wird es, indem man den Aktienkurs durch den Gewinn je Aktie teilt.
Ein Beispiel macht das greifbar: Notiert eine Aktie bei 100 Euro und das Unternehmen erwirtschaftet 5 Euro Gewinn je Aktie, ergibt sich ein KGV von 20. Das lässt sich so lesen: Müsste das Unternehmen seinen aktuellen Gewinn über Jahre konstant halten, bräuchte es 20 Jahre, um so viel zu verdienen, wie die Aktie heute kostet.
Zwei Varianten: Trailing und Forward KGV
Es gibt nicht nur ein KGV, sondern zwei gebräuchliche Varianten, die auf unterschiedlichen Gewinnzahlen basieren:
- Trailing KGV: rechnet mit dem tatsächlichen Gewinn der vergangenen zwölf Monate. Vorteil: die Zahl ist real und nicht geschätzt. Nachteil: Sie schaut nur zurück und reagiert nicht darauf, wenn sich die Geschäftslage gerade ändert.
- Forward KGV: rechnet mit dem erwarteten Gewinn der kommenden zwölf Monate, basierend auf Analystenschätzungen. Vorteil: zukunftsgerichtet. Nachteil: Es steht und fällt mit der Genauigkeit dieser Schätzungen — werden sie später deutlich nach unten korrigiert, verschlechtert sich das Forward-KGV plötzlich, obwohl sich am Aktienkurs nichts geändert hat.
Die Falle: Wann ein niedriges KGV in Wahrheit teuer ist
Der verbreitetste Denkfehler: “Niedriges KGV = günstige Aktie.” Das stimmt nur mit Einschränkung — und genau hier entsteht, was Investoren eine Value Trap (Wertfalle) nennen.
Ein typisches Szenario: Ein Unternehmen befindet sich gerade auf dem Höhepunkt eines konjunkturellen Zyklus. Die Gewinne sind auf Rekordniveau, der Kurs ist aber noch nicht entsprechend gestiegen. Das Trailing-KGV zeigt dann einen vermeintlichen Schnäppchenpreis (zum Beispiel 9 oder 11) — tatsächlich kauft man aber Gewinne ein, die genau jetzt am höchsten sind und bald wieder fallen könnten. Das KGV wirkt niedrig, weil der Nenner (der Gewinn) ungewöhnlich hoch ist, nicht weil die Aktie tatsächlich günstig ist.
Weitere Gründe, warum ein niedriges KGV täuschen kann:
- Einmaleffekte in der Bilanz: Ein einmaliger Verkaufserlös oder eine außerplanmäßige Abschreibung kann den Gewinn eines Jahres stark verzerren — und damit auch das KGV, ohne dass sich am eigentlichen Geschäft etwas geändert hat.
- Echte strukturelle Risiken statt Unterbewertung: Manchmal ist ein niedriges KGV keine Marktineffizienz, sondern eine berechtigte Sorge des Marktes über die Zukunft des Unternehmens — etwa weil ein Geschäftsmodell unter Druck gerät.
Wann ein hohes KGV gerechtfertigt sein kann
Umgekehrt gilt: Ein hohes KGV bedeutet nicht automatisch, dass eine Aktie überteuert ist. Es zeigt vor allem, dass der Markt starkes zukünftiges Gewinnwachstum erwartet. Erfüllt sich diese Erwartung tatsächlich, kann sich das hohe KGV im Nachhinein als gerechtfertigt herausstellen. Bleibt das Wachstum dagegen aus, fällt das KGV in der Regel dadurch, dass der Kurs fällt — nicht dadurch, dass der Gewinn plötzlich steigt.
Ein anschauliches Beispiel: Volkswagen notiert mit einem KGV von rund 5, Nvidia mit einem KGV von rund 45. Auf den ersten Blick wirkt VW deutlich günstiger. Tatsächlich spiegelt das niedrige VW-KGV aber Sorgen über die Transformation zur Elektromobilität und den Wettbewerbsdruck aus China wider, während Nvidias hohes KGV durch eine nachgewiesene Marktführerschaft im KI-Boom getragen wird. Die Lehre daraus: Das KGV zwischen völlig unterschiedlichen Branchen zu vergleichen führt in die Irre — sinnvoll ist der Vergleich in der Regel nur innerhalb derselben Branche oder desselben Geschäftsmodells.
Praxisregel: Wann welches KGV nutzen?
- Bei stabilen, reifen Unternehmen mit wenig Schwankung im Geschäft ist das Trailing KGV meist verlässlich genug.
- Bei Unternehmen mit echtem, glaubwürdig belegtem Wachstum lohnt sich eher der Blick auf das Forward KGV.
- Weichen Trailing- und Forward-KGV stark voneinander ab, ist das ein Warnsignal: Es deutet auf große Unsicherheit in den Gewinnschätzungen hin — hier lohnt genaueres Hinsehen, statt sich blind auf eine der beiden Zahlen zu verlassen.
Fazit: Nie isoliert betrachten
Das KGV ist ein guter erster Anhaltspunkt, aber keine vollständige Bewertung für sich allein. Es lohnt sich, es immer im Vergleich mit Unternehmen aus derselben Branche zu betrachten und durch weitere Kennzahlen zu ergänzen — etwa KUV (Kurs-Umsatz-Verhältnis), KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis), EV/EBITDA oder den freien Cashflow, die jeweils andere Aspekte wie Verschuldung, Kapitalintensität oder Cashflow-Qualität beleuchten.
Quellen
- KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) erklärt: Formel, Interpretation und die Grenzen der beliebtesten Bewertungskennzahl
- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) einfach erklärt | Sparkasse.de
- Forward P/E vs Trailing P/E: When Each Metric Misleads You
- Using the P/E Ratio to Value Stocks: Trailing vs. Forward Metrics, Sector Context, and Practical Interpretation - Alphastreet