Wachstums- vs. Value-Aktien

Stand: 16.09.2026

Kaum eine Unterscheidung wird in der Anlagewelt so oft bemüht wie die zwischen Growth- und Value-Aktien — und kaum eine wurde in den letzten zwei Jahrzehnten so gründlich auf den Kopf gestellt.

Die Definition

Die heute gebräuchliche Abgrenzung geht auf die Ökonomen Eugene Fama und Kenneth French zurück, die sie 1992 im Rahmen ihres Drei-Faktoren-Modells formalisierten: Value-Aktien sind Unternehmen mit einem hohen Buchwert-Kurs-Verhältnis — die Aktie ist also relativ günstig im Verhältnis zu ihrer bilanziellen Substanz (siehe auch KBV). Growth-Aktien sind das Gegenteil: niedriges Buchwert-Kurs-Verhältnis, oft weil der Markt hohes zukünftiges Wachstum einpreist, das die aktuelle bilanzielle Substanz bei weitem übersteigt.

In der Praxis wird die Unterscheidung meist griffiger formuliert: Value-Unternehmen sind reife, oft langweilige Geschäftsmodelle mit stabilen, aktuellen Gewinnen und häufig Dividenden — Banken, Industrie, Versorger. Growth-Unternehmen versprechen überdurchschnittliches zukünftiges Wachstum, oft bei aktuell noch niedrigen oder negativen Gewinnen — klassischerweise Technologieunternehmen.

Die historische Value-Prämie

Über weite Teile des 20. Jahrhunderts zeigte sich ein bemerkenswert robustes Muster: Value-Aktien schlugen Growth-Aktien im Durchschnitt. Für den Zeitraum 1975 bis 1995 lag die Renditedifferenz zwischen globalen Portfolios mit hohem und niedrigem Buchwert-Kurs-Verhältnis bei 7,68 Prozentpunkten pro Jahr — Value gewann in zwölf von dreizehn untersuchten großen Märkten. Über den noch längeren Zeitraum seit 1927 erzielten US-Value-Aktien eine durchschnittliche jährliche Mehrrendite von 4,4 % gegenüber Growth-Aktien. Diese sogenannte “Value-Prämie” gehörte lange zu den bestdokumentierten Anomalien der Kapitalmarktforschung.

Der Bruch seit den 2000er-Jahren

Seit Beginn dieses Jahrtausends hat sich das Bild deutlich gedreht: Growth-Aktien schneiden seither meist klar besser ab als Value-Aktien. Der naheliegendste Treiber: der beispiellose Aufstieg großer Technologiekonzerne, deren Bewertungen sich kaum an klassischen Buchwerten orientieren, sondern an erwartetem zukünftigem Wachstum — begünstigt zusätzlich durch die lange Phase historisch niedriger Zinsen, die (siehe Wie Zinsen Aktienkurse beeinflussen) besonders Wachstumswerten mit weit in der Zukunft liegenden Gewinnen zugutekam.

Warum es überhaupt eine Prämie geben sollte

In der Forschung gibt es zwei konkurrierende Erklärungsansätze für die historische Value-Prämie: Die eine sieht sie als Kompensation für höheres fundamentales Risiko — Value-Unternehmen sind oft strukturell angeschlagener, konjunktursensibler oder in schrumpfenden Branchen, weshalb Anleger für das Halten dieser Aktien eine höhere erwartete Rendite verlangen. Die andere, eher verhaltensökonomische Erklärung geht davon aus, dass Anleger systematisch zu optimistisch für glamouröse Wachstumsgeschichten und zu pessimistisch für unspektakuläre, aber solide Value-Unternehmen sind — was Value-Aktien im Schnitt unterbewertet lässt.

Einordnung

Wer aus der historischen Value-Prämie automatisch eine sichere Strategie für die Zukunft ableitet, übersieht, dass sich das Muster über zwei Jahrzehnte praktisch umgekehrt hat. Ebenso wenig lässt sich aus der jüngeren Growth-Dominanz automatisch fortschreiben, dass sich das nicht wieder ändert — gerade weil Inflations- und Zinsumfeld sich seit 2022 spürbar von der Nullzins-Ära unterscheiden, unter der Growth so stark profitierte. Für die eigene Analyse ist die Growth/Value-Einordnung eher ein nützlicher Erklärungsrahmen für Portfoliobewegungen als eine verlässliche Regel dafür, welcher Stil in den kommenden Jahren gewinnt.

Quellen