Put/Call-Ratio erklärt

Stand: 16.09.2026

Die Put/Call-Ratio ist einer der ältesten Sentiment-Indikatoren überhaupt, und die Rechnung dahinter ist fast schon lächerlich simpel: Volumen gehandelter Verkaufsoptionen (Puts) geteilt durch Volumen gehandelter Kaufoptionen (Calls). Ein Wert über 1 heißt: mehr Puts als Calls wurden gehandelt. Über 1 klingt erst mal nach Pessimismus — und genau deshalb sollte man hier ganz genau hinschauen, denn die Zahl allein sagt weniger, als sie vorgibt.

Drei Varianten, drei unterschiedliche Baselines

Nicht jede Put/Call-Ratio misst dasselbe:

  • Equity-PCR — nur Optionen auf Einzelaktien. Pendelt in ruhigen Phasen typischerweise zwischen 0,5 und 0,8.
  • Index-PCR — Optionen auf Indizes wie den S&P 500. Liegt strukturell höher, oft nahe oder über 1,0 — nicht weil Anleger pessimistischer wären, sondern weil institutionelle Investoren Index-Puts systematisch zur Portfolio-Absicherung kaufen, unabhängig von der Marktrichtung.
  • Total-PCR (bei der CBOE als “CBOE Total Put/Call Ratio” veröffentlicht) — aggregiert beide.

Wer Equity- und Index-PCR in einen Topf wirft, vergleicht im Grunde Äpfel mit Birnen — die Index-Variante ist strukturell verzerrt durch Hedging, nicht durch reine Marktmeinung.

Schwellenwerte

Als grobe Orientierung für das Equity-PCR:

BereichEinordnung
unter 0,7ausgeprägter Optimismus
0,7–1,0neutral
1,0–1,2erhöhte Absicherungsnachfrage
über 1,2–1,5deutliche Angst
über 1,5–1,8historisch seltene Extremwerte

Zur Einordnung: In rund 5 % der Handelstage lag das CBOE-Ratio unter 0,72 (Extreme Greed) oder über 1,23 (Extreme Fear). Die Spikes 2018 und 2020 kletterten jeweils knapp über 1,8 — beide Male drehte der Markt kurz darauf nach oben.

Wie man sie liest

Wie fast jeder Sentiment-Indikator (siehe Marktsentiment-Grundlagen) funktioniert die Put/Call-Ratio konträr: Extreme Angst clustert historisch nahe an Markttiefs, extreme Selbstzufriedenheit (niedriges Ratio) nahe an Markthochs. Die Logik: Wenn praktisch jeder schon abgesichert oder pessimistisch positioniert ist, ist wenig zusätzliches Verkaufspotenzial übrig — der Markt braucht dann relativ wenig, um zu drehen.

Wichtig dabei: “nahe an Tiefs” heißt nicht “am Tief”. 2020 lag der S&P 500 beim Höchststand der Ratio noch 14 Handelstage vor seinem eigentlichen Tiefpunkt — wer sofort beim Extremwert eingestiegen wäre, hätte zwischenzeitlich noch deutliche Verluste ausgehalten müssen. Genau dieses Timing-Problem taucht bei praktisch jedem Kontraindikator auf, etwa auch beim BofA Bull & Bear Indikator.

Die Schwäche, die seit ein paar Jahren wirklich zählt

Seit dem Boom der sogenannten 0DTE-Optionen (Zero Days to Expiration — Optionen, die am selben Tag verfallen, häufig genutzt von Retail-Tradern für kurzfristige Wetten) ist das tägliche Optionsvolumen strukturell verzerrt. Ein erheblicher Teil des Volumens stammt heute aus Positionen, die Stunden statt Wochen gehalten werden und mit klassischem Hedging oder Richtungswetten auf mittlere Sicht wenig zu tun haben. Das bedeutet konkret: historische Vergleichswerte aus der Zeit vor dem 0DTE-Boom (grob vor 2021/22) sind mit aktuellen Ständen nur noch bedingt vergleichbar — die Baseline hat sich verschoben, ohne dass sich am eigentlichen “Fear vs. Greed” etwas geändert haben muss.

Einordnung

Am ehesten funktioniert die Put/Call-Ratio als ein Baustein in einer täglichen Routine, nicht als eigenständiges Handelssignal — ähnlich wie beim Fear & Greed Index, wo sie selbst als eine von sieben Komponenten einfließt. Allein betrachtet ist sie zu verrauscht: Ein einzelner Tageswert schwankt stark, aussagekräftiger wird sie erst als gleitender Durchschnitt über mehrere Tage oder in Kombination mit anderen Sentiment-Maßen.

Quellen