Der US-Präsidentschaftszyklus und die Börse
Stand: 16.09.2026
Über die vierjährige Amtszeit eines US-Präsidenten hinweg zeigt der Aktienmarkt ein auffällig wiederkehrendes Renditemuster — bekannt als Präsidentschaftszyklus. Die Grundidee: Politische Börsenmacht handelt nicht neutral über eine Amtszeit verteilt, sondern konzentriert unpopuläre Maßnahmen tendenziell früh im Amt und stimulierende Maßnahmen kurz vor der nächsten Wahl.
Die vier Jahre im Einzelnen
Die historischen Zahlen für den S&P 500, aufgeschlüsselt nach Jahr der Amtszeit:
- Jahr nach der Wahl (erstes Amtsjahr) — die schwächste Phase im Zyklus, mit einer historischen Gewinnwahrscheinlichkeit von nur rund 52 %. Hier werden oft unpopuläre, aber notwendige Reformen umgesetzt, weil der politische Preis dafür bis zur nächsten Wahl wieder verblasst sein kann.
- Zwischenwahljahr (zweites Amtsjahr) — etwas stabiler, mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von rund 59 % und einem durchschnittlichen Plus von 4,6 %.
- Vorwahljahr (drittes Amtsjahr) — historisch das stärkste Jahr im gesamten Zyklus, mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von rund 83 %.
- Wahljahr (viertes Amtsjahr) — ebenfalls überdurchschnittlich stark, mit rund 66 % Gewinnwahrscheinlichkeit. Seit 1950 legte der S&P 500 in diesem Jahr im Schnitt um etwa 7 % zu, wobei der Großteil der Performance typischerweise erst in der zweiten Jahreshälfte anfällt.
Das Muster insgesamt: Vorwahl- und Wahljahr schneiden historisch deutlich besser ab als das Jahr direkt nach einer Wahl.
Die politische Logik dahinter
Die gängige Erklärung ist keine reine Zahlenmystik, sondern folgt einer nachvollziehbaren politischen Anreizstruktur: Amtsinhaber (bzw. die jeweils regierende Partei) haben ein Interesse daran, dass die Wirtschaft im Jahr der Wiederwahl möglichst gut dasteht — was sich in fiskalpolitischen Impulsen, aufgeschobenen unpopulären Entscheidungen oder generell wachstumsfreundlicherer Politik im Vorfeld einer Wahl niederschlagen kann. Umgekehrt werden strukturelle Reformen, Steuererhöhungen oder andere unpopuläre Maßnahmen eher früh in der Amtszeit angegangen, wenn die nächste Wahl noch weit entfernt ist und Zeit bleibt, negative kurzfristige Effekte auszusitzen.
Wo die Vorsicht ansetzen sollte
So sauber das Muster in der historischen Rückschau aussieht — es basiert auf einer relativ kleinen Stichprobe (die USA wählen alle vier Jahre, entsprechend gibt es nur wenige Dutzend vollständige Zyklen seit Beginn verlässlicher Marktdaten). Einzelne Amtszeiten weichen deutlich vom Muster ab, besonders wenn externe Schocks — Finanzkrisen, Pandemien, geopolitische Ereignisse — die politische Logik überlagern. Der Zyklus ist eine statistische Tendenz über viele Amtszeiten hinweg, keine verlässliche Vorhersage für ein einzelnes Jahr.
Einordnung
Der Präsidentschaftszyklus eignet sich am ehesten als zusätzlicher Kontextfaktor, nicht als eigenständige Handelsstrategie — ähnlich wie andere saisonale Muster (siehe Saisonalität am Aktienmarkt): statistisch dokumentiert, aber ohne verlässlichen kausalen Determinismus für ein konkretes Jahr. Wer ausschließlich auf Basis des Wahlzyklus investiert, ignoriert die deutlich wichtigeren fundamentalen und makroökonomischen Faktoren, die in jedem einzelnen Jahr das eigentliche Marktgeschehen dominieren.