Fear & Greed Index erklärt
Stand: 16.09.2026
Wer regelmäßig US-Finanzmedien liest, stolpert früher oder später über eine Ampel mit einer Zahl von 0 bis 100 — Extreme Fear auf der einen, Extreme Greed auf der anderen Seite. Das ist der Fear & Greed Index von CNN, wahrscheinlich der meistzitierte Sentiment-Indikator überhaupt. Zitiert wird er ständig, verstanden meistens nicht — die meisten Leute wissen nicht, was in dem einen Wert eigentlich zusammengerührt wird.
Sieben Zutaten, ein Score
Der Index bündelt sieben Einzelindikatoren, jeder gleich gewichtet:
- Marktmomentum — steht der S&P 500 über seinem gleitenden 125-Tage-Durchschnitt, wertet das als positiv.
- Kursstärke — Verhältnis von Aktien auf 52-Wochen-Hochs zu solchen auf 52-Wochen-Tiefs an der NYSE.
- Marktbreite — Handelsvolumen in steigenden Aktien im Verhältnis zum Volumen in fallenden (McClellan-Volume-Summation-Index).
- Put/Call-Ratio — Verhältnis gekaufter Verkaufsoptionen zu Kaufoptionen.
- Junk-Bond-Nachfrage — Zinsspread zwischen Ramschanleihen und sicheren Staatsanleihen. Enger Spread = Greed, weiter Spread = Fear.
- Marktvolatilität, gemessen über den VIX (siehe VIX als Angstbarometer).
- Safe-Haven-Nachfrage — laufen Anleihen den Aktien über die letzten 20 Handelstage davon, ist das ein Fear-Signal.
Jeder der sieben wird daran gemessen, wie stark er gerade von seinem eigenen langfristigen Durchschnitt abweicht, verglichen mit der üblichen Schwankungsbreite. Das Mittel der sieben Abweichungen ergibt die finale Zahl zwischen 0 (Extreme Fear) und 100 (Extreme Greed).
Die gängige Einteilung:
| Bereich | Einordnung |
|---|---|
| 0–24 | Extreme Fear |
| 25–44 | Fear |
| 45–55 | Neutral |
| 56–75 | Greed |
| 76–100 | Extreme Greed |
Zum Vergleich, damit die Zahlen nicht abstrakt bleiben: Mitte September 2026 lag der Index bei 29 — Fear, nicht Extreme Fear, aber deutlich auf der ängstlichen Seite.
Was davon eigentlich neu ist
Ehrlich gesagt: nichts. Momentum, Breadth, Put/Call, VIX, Kreditspreads — jeden dieser Bausteine gibt es einzeln schon lange, teils seit Jahrzehnten. Der eigentliche Beitrag von CNN war nicht die Erfindung neuer Kennzahlen, sondern die Verpackung: sieben fragmentierte Signale zu einer einzigen, leicht konsumierbaren Zahl zusammenzufassen, die sich in eine Schlagzeile packen lässt. Das erklärt auch, warum der Index so oft zitiert wird — er ist simpel genug für die Tagesschau, aber mit echten Daten unterfüttert genug, um nicht komplett beliebig zu wirken.
Wie man ihn liest — konträr, wie fast alle Sentiment-Indikatoren
Die Logik folgt demselben Muster wie beim BofA Bull & Bear Indikator oder generell bei Marktsentiment: Extremwerte werden gegen den Trend gelesen. Extreme Greed gilt als Warnsignal für eine überhitzte, fragile Rally; Extreme Fear als möglicher Boden, an dem Panikverkäufe die Kurse unter ihren fairen Wert gedrückt haben.
Ein Backtest von rund 2.800 statistisch relevanten Trades zwischen 2011 und 2026 auf den SPY-ETF liefert dazu ein interessantes, aber differenziertes Bild. Die profitabelste Kombination war nicht die naheliegende (“kaufe bei Extreme Fear, verkaufe bei Extreme Greed”), sondern ein Zusammenspiel mit dem RSI: Extreme Angst (Index 0–10) gepaart mit einem niedrigen RSI (20–40) brachte über einen Ein-Tages-Horizont noch Verluste — der Profit-Faktor lag bei 0,81. Über 21 Handelstage kippte das Bild komplett: Profit-Faktor 3,76. Wer aus Angst-Extremen kauft, braucht also Geduld — an Tag eins sieht das Setup meistens noch schlecht aus.
Genauso aufschlussreich war eine Kombination, die eigentlich niemand auf dem Schirm hat: mittlere Angst (Index 20–30) zusammen mit einem RSI zwischen 60 und 80 — Kurse fallen leicht, aber der RSI bleibt trotzdem hoch, ein Zeichen für eine trügerische Erholung mitten im Abwärtstrend. Diese Zone war über alle getesteten Zeiträume hinweg unprofitabel, selbst nach 21 Tagen blieb der Profit-Faktor bei mageren 0,70.
Wo es hakt
Der Index ist ein guter Konversationsstarter, aber eine unvollständige Handelsgrundlage:
- Tägliche Momentaufnahme, kein Trendfrühwarnsystem. Der Wert kann wochenlang im Fear-Bereich verharren, während der Markt trotzdem weiter fällt — das war 2022 gut zu beobachten.
- US-zentriert. Alle sieben Inputs stammen aus US-Märkten (S&P 500, NYSE, US-Junk-Bonds). Für DAX oder europäische Werte ist die Übertragbarkeit begrenzt.
- Gleichgewichtung ist eine Vereinfachung. Warum sollten Marktbreite und Junk-Bond-Spread exakt gleich viel zählen? CNN begründet das nirgends inhaltlich, es ist schlicht die einfachste Methode.
- Stichprobe seit 2011 ist historisch kurz. Zwei, drei größere Crashs (2018, 2020, 2022) prägen einen erheblichen Teil der Backtest-Ergebnisse — genug für Tendenzen, zu wenig für belastbare Statistik im strengen Sinn.
Am ehesten taugt der Index als schneller Kontext-Check, nicht als Signal für sich allein — ähnlich wie beim Vergleich Sentiment vs. Fundamentaldaten: Stimmung sagt etwas über das Risiko einer Übertreibung, nicht darüber, ob ein Unternehmen fundamental etwas taugt.